MeerWissen für, über und aus aller Welt!

Marakei beim LandeanflugEin Kanu, gebaut aus Kokospalmenholz, erreichte die Südseite Marakeis. Da sein Ziel der Nordwesten der Insel war, wendete es sich nach links und fuhr über das Korallenriff die Küste entlang. Den Insassen des Kanus waren die Gewässer aber leider unbekannt und sie übersahen eine Gefahr und das Kanu schlug leck. Bei den Männern im Kanu handelte es sich um den Herrscher einer der anderen Inseln, der seine Schwester besuchen wollte. Den Männern blieb nichts andere über als zu Fuß zum Kainga der Schwester zu gehen. Dabei hatten sie viel Zeit die Umgebung zu betrachten und dem Herrscher gefiel die Küste, wo seine Schwester wohnt, so gut, dass er dem Ort den Namen Rawanuea gab. Königssee. Aber der Ort hatte schon einen Namen, Nauis Meer, Rawanaui. Der Herrscher war weise und beharrte nicht auf seinem Wunsch sondern bestimmt, dass der Ort weiter Rawanui heissen solle, aber das Korallenmeer davor Rawanuea. Und so ist es seither.

 

Der Ort Rawanui, heute Rawanawi geschrieben, ist heute der von rund 1.000 Menschen bewohnte Hauptort der Insel Marakei. Obwohl Marakei nur knappe 20 Flugminuten von der Hauptstadt Kiribatis in Süd-Tarawa entfernt ist, komme ich mir hier in die Vergangenheit zurück versetzt vor. Allerdings eine Vergangenheit mit Solarpanelen, die auf mit Pandanenblättern gedeckten Dächern liegen und für Strom sorgen. Genug Strom für Licht, ein paar Handys oder Laptops und die Musikanlage der Kava-Bar. Andere Stromverbraucher gibt es nicht. Wir werden per Motorrad am Flughafen abgeholt – welche ein Luxus, die meisten Menschen müssen laufen. Die zwei oder drei Pick-Up-Trucks, die es auf der Insel gibt, gehören dem Inselrat und werden in erster Linie als Schulbusse und als Transporter zum Mieten genutzt.

KüstenerosionFür die obligatorische Umrundung der Inseln mit Besuch und Opfern für die vier Göttinnen der Insel, „te katapane“, steht kein Truck zur Verfügung. Er wäre auch nicht wirklich praktisch dafür, Motorräder sind viel besser! Vorbei geht’s an vielen traditionellen Häusern (Kiakias) und etlichen Versammlungshäusern (Maneabas) und durch den Busch aus Kokospalmen und Pandanen. Hinter der ersten der beiden Brücken, die die beiden Hauptinseln Marakeis zu einem Rund schließen, steht der Schrein der ersten Göttin, Nei Reirei. Sie ist die Beschützerin der Menschen im Westen der Insel und unterstützt die anderen drei Göttinnen, wenn immer der gemeinsame Einsatz zum Bannen einer Gefahr notwendig ist. Die Opfergabe, die wir ihr und den anderen Göttinnen bringen, ist übrigens Tabak.

Ab hier ist die Straße selbst nach Kiribati-Maßstäben keine Straße mehr sondern nur noch ein Pfad. Vor einiger Zeit hat einer der Pick-Up-Trucks die Brücke beschädigt, die seither nur noch von Zweiräder und Fußgängern benutzt werden kann. Die Straße dahinter ist völlig und an manchen Stellen kaum mehr breit genug für ein Motorrad, wie die Peitschenhiebe der Salzbüsche auf meinen Waden beweisen.

NeiTangangauIm Süden der Insel besuchen wir die zweite Göttin, Nei Rotepenua. Ihr Schrein steht nahe an der Ozeanküste direkt am Strand. Bei extrem hohen Fluten oder Stürmen bekommt sie schon feuchte Füße, aber noch stehen die Bäume um sie herum und halten das Land fest. Wie lange noch? Die Westküste der Insel erodiert am stärksten, denn aus dieser Richtung kommt die stärkste Strömung, der pazifischen äquatoriale Gegenstrom. Hier im Süden der Insel ist die Erosion nicht so dramatisch, aber der Strand dringt jedes Jahr weiter ins Inselinnere vor, jedes Jahr kippen Bäume, deren Wurzeln vom Wasser unterspült wurden, jedes Jahr geht auch hier Land verloren. Noch steht Nei Rotepenua, die die Schönste der vier ist und wohl auch die eifersüchtigste – sie hat ihren Mann aus Eifersucht nicht nur getötet sondern aufgegessen. Nur ein Bein war noch übrig, das noch heute versteinert im Korallenriff zu finden ist – aber das Meer kommt ihr immer näher.

Marakei LaguneDer Pfad führt jetzt nicht mehr an der Meeresküste entlang sondern verläuft nahe der Lagune. Es ist die einzige quasi geschlossene Salzwasserlagune Kiribatis. Nur zwei schmale Durchlässe verbinden sie noch mit dem Meer. Und diese Durchlässe sind durch die Brücken etwas verschmälert und in einer reduziert eine herzförmige Fischfalle den Wasseraustausch noch weiter. Das Lagunenwasser stagniert, die Fischmengen in der Lagune gehen zurück und angeblich droht das Kippen der Lagune. Andererseits habe ich hier die gesündesten Seegraswiesen gefunden, die ich je in meinem Leben gesehen habe. Die Wasserqualität kann daher so schlecht nicht sein. Direkt vor der zweiten Brücke mit ihrer Fischfalle, befindet sich der Schrein der dritten Göttin, Nei Tangangau. Sie beschützt die Insel und ihre Bewohner mit ihrer Vagina und dem Gestank und Gewürm, das sie daraus entlässt und die sowohl feindliche Riese töten, die die Insel bedrohen, als auch Fische in die herzförmige Falle lockt. Oder in die Netze der Fischer, die darum bitten.

Nei NantekimamHinter dieser zweiten Brücke wird die Straße wieder besser. Von hier aus führt eine Straße an der Lagune entlang, die andere am Meer. Die an der Lagune bringt Reisende zu den vier Dörfern auf dieser Seite der Insel, die andere in den Busch, in dem Kokosnüsse für die Kopra-Produktion geerntet werden und Pandananblätter zum Dachdecken, als Rohmaterial für Schlafmatten und als Zigarettenpapier. Die Kopra-Produktion, also das Trocknen von Kokosnussfleisch, ist fast die einzige Möglichkeit für die Menschen in diesem Teil der Insel Geld zu verdienen. Die Kopra wird für 2 Dollar pro Kilo an die Regierung verkauft und dank des vergangenen El-Niños gibt es derzeit reichlich große Kokosnüsse und damit relativ viel Geld. Genug zum Leben auf einer Insel, auf der ein Großteil der Lebensmittel selber gefischt oder angebaut wird. Fast jedes Grundstück, an dem wir vorbeikommen, hat einen Brotfruchtbau, ein paar Papayabäume und manchmal auch eine Bananenstaude. Babai-Gruben sehen wir überall in und um die Dörfer herum. Babai, Riesen-Sumpftaro, ist eine an die zwei Meter hoch wachsende Pflanze, deren Wurzeln ein stärkehaltiges Grundnahrungsmittel sind.

Die nächste Landmarke, die wir erreichen, ist die Landebahn, die im Norden der Insel an der breitesten Stelle von der West- bis zur Ostküste reicht. Sechs Flüge pro Woche landen und starten, je zwei mittwochs, freitags und sonntags. Dir restliche Zeit dient das Rollfeld als Straße, Verkehrsübungsplatz und Spielplatz.

FischfalleHinter dem Flughafen, an der Nordspitze Marakeis, residiert Nei Nantekimam, die letzte Göttin, die wir besuchen. Sie sorgt vor allem für die Natur und das Süßwasser. Ist sie jemandem gewogen, wird dieser Süßwasser auf dem Strand finden, direkt an der Oberfläche oder in geringer Tiefe. Es steht zu erwarten, dass Nei Nantekimam in Zukunft weit weniger Menschen gewogen sein wird. Denn die oberflächlichen, küstennahen Süßwasserlinsen, deren Wasser oft durch den Sand hochgepresst wird und über den Strand abläuft, versalzen immer stärker. Erosion verringert den Abstand der Linse zur Küste und häufigere Überflutungen bei Hochfluten und Stürmen sorgen für das Eindringen von Salzwasser. Im Moment sieht es nicht danach aus als könnte Nei Nantekimam die Insel erfolgreich davor schützen. Aber wer weiß? Vielleicht tun sich die vier Göttinnen ja wieder zusammen und besiegen den Feind Klimawandel, so wie sie vor langer, langer Zeit die beiden Krieger aus Beru und Nikunau besiegt haben!

Merken

Merken

Merken